Boris Podrecca im Gespräch: Architektur als Anthropologie, Licht und die Stadt von morgen

Ich bin zu Gast bei Boris Podrecca – Architekt, Städtebauer, Denker. Wir sprechen über Herkunft und Haltung, über Triest und die Donau, über Plätze, Museen, Hochhäuser und über eine aktuelle Arbeit in Neapel. Ein Gespräch über Architektur als gelebte Anthropologie – und darüber, warum das Licht für ihn Baumaterial ist.

Herkunft und Haltung

Boris Podrecca erzählt von einer Kindheit zwischen Sprachen, Kulturen und Landschaften: geboren in Belgrad, geprägt von Triest – dieser geheimnisvollen, labyrinthischen Stadt, in der sich Straßenschluchten plötzlich zur Piazza und zum Horizont öffnen. Aus diesem „monarchischen Hintergrund“, wie er sagt, erwächst sein Verständnis von Architektur als polyphone Kunst. Ein Stil allein? Für ihn undenkbar. „Wir leben in einer vielstimmigen Zeit. Architektur muss diese Vielstimmigkeit aufnehmen – wie eine gute Stadt.“

Mauro Mittendrin: Sie sprechen oft von Architektur als Anthropologie. Was meinen Sie damit?

„Ich baue nicht nur Stein auf Stein“, sagt Podrecca. „Ich baue mit Erfahrungen, mit Phänomenen des Lebens. Architektur ist eine erweiterte Mission: Sie schafft Räume für Begegnungen, für Erinnerungen, für das, was Menschen ausmacht. Darum begreife ich mich auch als Anthropologen – Architektur ist Verhalten im Raum.“

Die Schule der Stadt: Triest, Donau, Orient

Triest wird zur ersten Universität: Straßen als Wohnzimmer, Karstlandschaft und Meer als Lehrmeister. Später die Donau – von Belgrad bis Wien – als Kontinuum der eigenen Biografie. Reisen in die Türkei, nach Persien und Afghanistan öffnen einen zweiten Horizont: der Orient als Gegenüber Mitteleuropas. Architektur, so Podrecca, entstehe im Dialog dieser Welten.

Der Anfang: Athen und die Stadtplanung

Sein erster großer Auftrag führt nach Athen. Unter der Akropolis arbeitet Podrecca an einem neuen städtebaulichen Leitbild – eine Korrektur der gewachsenen Linearität zwischen Stadt und Hafen. Hier, im Schatten der Antike, lernt er das Neu-Bauen aus alten Steinen ebenso wie den Blick auf die Stadt als Gefüge: Plätze, Achsen, Horizonte – und immer der Mensch als Maß.

Wien und die Zeichen der Höhe

In Wien entstehen Projekte, die die Stadt lesen und weiterzeichnen. Podrecca spricht über die Idee des Hochhauses als städtebauliches Zeichen am Fluss – eine Geste, die der Donau „die Hand reicht“ und die Stadt nach Osten öffnet. Nicht Höhe um der Höhe willen, sondern als Dialog mit Lage, Landschaft und Licht.

Licht als drittes Baumaterial

„Statik, Material – und Licht,“ fasst Podrecca zusammen. Tageslicht ist für ihn kein Effekt, sondern Substanz. Er differenziert zwischen Oberlicht und Seitenlicht, zwischen Führung und Streuung. „Mit Licht baut man, wie mit Ziegeln. Es modelliert Raum, Stimmung und Zeit. Ohne Licht bleibt Architektur stumm.“

Die Stadt als Melodie: Plätze, Produktionen, Nähe

Was bedeutet heute gute Stadt? Podrecca denkt die Altbausubstanz als verlängerte Zeit, die es zu bewahren gilt. Zugleich plädiert er für „Stadt in der Stadt“: Wohnhäuser mit produzierenden Erdgeschosszonen, Werkstätten, Ateliers, gemeinschaftliche Räume. Kurze Wege, soziale Nähe, gemischte Typologien – eine produktive, integrierte Stadt, in der die Menschen einander begegnen, sehen, sich verlieben, alt werden können.

Napoli: Eine kleine Stadt im Wasser

Mit spürbarer Freude spricht Podrecca über seine aktuelle Arbeit in Neapel: eine Station, die 40 Meter im Wasser liegt, 100 Meter lang – eine pulsierende, tickende Stadt im Inneren. Bibliothek, Bar, Informationsebenen, ein Park obenauf; Screens, die Programm, Kunst und Stadt termingerecht in den Alltag bringen. Der Wiener Künstler Peter Kogler ist beteiligt. „Mir ging es um Atmosphäre: Du fährst hinab und spürst das Wasser – als Bild, als Frische, als Gegenwart. Raum wird zu Erfahrung.“

Unterricht und Reisen: Europa als Atelier

Lausanne, Paris, London, Venedig, Philadelphia, Harvard, viele Jahre Professur in Stuttgart – Lehre und Praxis verschränken sich. Ausstellungen werden zu Laboren, in denen Stadt, Architektur und Öffentlichkeit miteinander sprechen. „Es geht nicht darum, nur etwas zu zeigen. Man bekommt auch etwas zurück – Blickwechsel, Fragen, andere Horizonte.“

Schlusswort

Auf die Frage nach seinem Lieblingsprojekt zögert Boris Podrecca. Dann lächelt er: „Wie bei einer Mutter mit vielen Kindern ist es immer das jüngste – weil es Schutz braucht, weil es noch nicht festgeschrieben ist, weil es die spannendste Ungewissheit in sich trägt. Das Letzte ist immer das Liebste.“

Kontakt
Atelier Boris Podrecca – Architektur und Städtebau, Wien

https://www.podrecca.com