Krebs ist nach wie vor eine Erkrankung, von der viele Österreicherinnen und Österreicher betroffen sind. Martina Löwe ist die Geschäftsführerin der Österreichischen Krebshilfe. Seit 2015 ist sie für die Männergesundheit-Aktionen der Krebshilfe verantwortlich. Zuletzt hat sich Löwe mit dem bekannten italienischen Netzwerker Mauro Maloberti (Mauro Mittendrin) getroffen und dabei über den Schrecken der Diagnose Prostatakrebs, Prävention und Hilfe für Betroffene gesprochen.
Mauro Mittendrin: Frau Löwe, Sie kümmern sich um die Männergesundheits-Aktionen der Krebshilfe. Welche Unterstützung brauchen Betroffene und ihre Angehörigen am dringendsten?
Martina Löwe: Also bei den Männern ist es so, dass sie plötzlich durch die Diagnose Krebs wie jeder andere Patient und jede andere Patientin auch einfach aus dem Leben gerissen werden. Gerade Männer tun sich schwer damit. Denn sie sind nicht gerne krank, sondern lieber stark und unverletzlich. Es fällt ihnen schwer, darüber zu reden. Und es fällt ihnen auch schwer, mit den Angehörigen darüber zu sprechen. Deshalb ist es gut, wenn man sich Unterstützung holt. Wenn man eine Beraterin von der Krebshilfe dabeihat, die sie einfach auch mal reden lässt, wenn sie reden wollen.
Warum haben Männer größere Schwierigkeiten darüber zu reden?
Männern haben häufig noch in den Köpfen, dass sie unverletzlich sind. Nach der Diagnose Krebs passt das nicht mehr mit diesem Bild überein. Die Jüngeren ticken schon ein bisschen anders. Aber die Generation, die etwa am häufigsten von Prostatakrebs betroffen ist – also die 50- bis 60-Jährigen – die haben noch diese Einstellung: Ein Indianer kennt keinen Schmerz. Die sind mit dem Credo aufgewachsen, ein Mann muss das alles durchstehen. Die machen sich das immer gerne auch selber aus. Aber man muss nicht alles alleine auf seinen Schultern tragen. Die Männer möchten ganz klare Informationen über ihre Erkrankung haben. Sie möchten alles ganz genau wissen. Ziehen sich aber dann oft wieder zurück. Die Angehörigen der Krebspatienten sind häufig überfordert, weil sie nicht wissen wie sie mit ihnen reden sollen und wie sie helfen können. Und deshalb unterstützen wir auch Angehörige, die sich mit unseren Beraterinnen austauschen.

Dabei handelt es sich um ein Österreichweites Angebot der Krebshilfe?
Ja, wir sind in allen neun Bundesländern. Insgesamt gibt es 63 Beratungsstellen in ganz Österreich und wir sind kostenlos für die Menschen da.
Welche Vorsorgeuntersuchungen sind für Männer in welchem Alter zu empfehlen?
Also das ist für Männer ab dem jungen Erwachsenenalter generell zu empfehlen. Dabei ist Hodenkrebs die häufigste Krebserkrankung. Das heißt, da geht es darum, einmal monatlich den Hoden abzutasten und zu schauen, ob da alles in Ordnung ist. Das ist eine gute Selbstuntersuchung, die man machen kann. Ab 45 Jahren geht es dann los mit der Prostatakrebs-Früherkennung. Das heißt, ab 45 geht man das erste Mal zum Urologen. Man muss nicht das nächste Jahr gleich wieder gehen. Der Urologe sagt dann, wann man das nächste Mal kommen sollte. Bei familiärer Vorbelastung, also wenn der Bruder, der Vater, der Opa oder Onkel an Krebs erkrankt ist, sollte man schon mit 40 Jahren zur Untersuchung. Zusätzlich gibt es noch die Koloskopie, die Darmkrebs-Vorsorge ab 45. Außerdem sollte jeder einmal im Jahr die Haut auf verdächtige Muttermale untersuchen.
Was sollten Männer beachten? Gibt es erste Warnsignale einer Erkrankung?
Bei Prostatakrebs ist das ein Problem. Der hat nämlich keine Symptome, den spürt man nicht. Und deswegen rütteln wir ja die Männer auch so wach, dass sie zum Arzt gehen sollen. Denn sie fühlen sich vermeintlich gesund. Und wenn du vermeintlich gesund bist, warum solltest du dann zum Urologen gehen? Diese Logik möchten wir umdrehen. Sobald man etwas spürt, ist es meist schon fortgeschritten. Früh erkannt, ist eine Erkrankung um ein Vielfaches besser.
Welche Risikofaktoren gibt es für Prostatakrebs?
Also einerseits, wie schon gesagt, die familiäre Vorbelastung. Wenn es in der Familie gehäuft vorkommt, dass es Prostatakrebs-Erkrankungen gibt, ist das klar ein Risikofaktor. Der zweite Risikofaktor ist das Alter. Je älter man wird, umso mehr steigt das Risiko, dass man an Prostata-Krebs erkrankt. Ein genereller, gesunder Lebensstil hilft natürlich einer mögliche Krebserkrankung vorzubeugen. Nicht nur Prostatakrebs, sondern allgemein.

Wie schaut für Sie ein gesunder Lebensstil aus?
Ausreichend Bewegung! Also dreimal in der Woche eine Stunde lang moderates Training. Nicht rauchen, gesunde Ernährung und keine starken Drinks. Das ist eigentlich das Motto. Das ist was man selber tun kann, um eine mögliche Erkrankung möglichst zu vermeiden. Man kann es nie hundertprozentig ausschließen. Manchmal ist es Schicksal und deshalb ist es wichtig zur Früherkennung zu gehen.
Aber auch nach einer Diagnose gibt es Therapien, die Hoffnung machen?
Es gibt ganz viele Therapien. Es gibt auch eine enorme Entwicklung bei den Therapien. Sie sind mittlerweile immer wie ein Maßanzug, maßgeschneidert auf die Patienten. Also so, dass man schaut was wird erwartet, was möchte der Patient, was ist ihm wichtig? Und genauso wird die Therapie dann auch eingesetzt. Nicht jeder Prostatakrebs ist gleich. Es gibt auch die Möglichkeit des achtsamen Abwartens und Zuschauens. Also wo man alle drei Monate einfach nur zur Kontrolle geht, aber noch gar nicht operieren muss oder keine Therapie braucht. Das ist aber nur möglich, wenn man es früh genug erkennt.
Gibt es auch Statistiken zur Verbreitung von Prostatakrebs in Österreich?
Wir haben 2015 mit der „Loose Tie“-Aktion begonnen. Es sind damals im Jahr 5.000 Männer in Österreich an Prostatakrebs erkrankt. Mittlerweile, die letzten Zahlen stammen aus 2020, sind es knapp über 6.000 Männer, die erkranken. Das ist aber nicht mit einem Anstieg der Erkrankungen zu erklären, sondern dadurch, dass die Früherkennung jetzt besser funktioniert. Also man merkt schon, dass das, was wir tun, gemeinsam mit der Österreichischen Gesellschaft für Urologie und dem Berufsverband der Urologen, dass wir jedes Jahr im November aufrütteln und sagen: Bitte geht zum Arzt, dass das etwas bewirkt.

Das gibt sicher auch weiter antrieb…
Ja. Mein Ziel ist es, dass wenn zwei Männer an der Bar stehen und der eine sagt: Ich geh morgen zum Urologen, der andere nicht mehr einen Standardsatz in die Richtung „Wieso kannst nimmer?“, abgibt. Ich möchte, dass der andere sagt: „Super, ich war letzte Woche auch dort“. Also einfach, dass es ganz normal ist, dass Männer zur Untersuchung gehen.
Sie haben „Loose Tie“ angesprochen. Was hat es damit auf sich?
Wir haben die Aktion 2015 gemeinsam mit der Österreichischen Gesellschaft für Urologie und dem Berufsverband Österreichs Urologie gestartet. Mit dem Lockern der Krawatte rufen wir alle Männer ab 45 auf, sich den Stress ein bisschen von den Schultern zu nehmen und zur wichtigen Früherkennungs-Untersuchung zu gehen.
Sie haben schließlich auch viele Testimonials gewonnen…
Ja! Seit 2019 laden die Fotografin Sabine Hauswirth und ich prominente Männer ein, als Testimonials dabei zu sein. Und Gerhard Fleischhacker – mein Unterstützer der ersten Stunde – hilft mir immer dabei, den Kreis hochkarätig zu erweitern. Zum Beispiel heuer Hans Sigl, der Bergdoktor, der sofort seine Unterstützung zugesagt hat. Im Vorjahr war Hans Knauss, davor Gery Seidl oder Juergen Maurer bei uns. Und natürlich bekommen wir mittlerweile auch Männer aus der Wirtschaft. Ich möchte mit ihnen Männer aus allen Gesellschaftsschichten ansprechen.

Auf Ihrer Website gibt es das Angebot „Herrenzimmer“. Was hat es damit auf sich?
Wir haben 63 Beratungsstellen in ganz Österreich. Im Jahr kommen dort rund 3.000 Patienten und Patientinnen vorbei. 75 bis 80 Prozent davon sind Frauen. Viele Männer kommen nicht. Deshalb haben wir viele Webcast für Prostatakrebs-Patienten gemacht. Weil wir gesehen haben, dass sich Männer diese aufs Handy holen und sich das irgendwann anschauen. Dann, wann sie wollen und meist alleine. Daraufhin haben wir das „Herrenzimmer“ gegründet. Das ist ein virtuelles Angebot, jeden ersten Mittwoch im Monat, wo sich alle Männer mit der Diagnose Krebs, treffen und virtuell austauschen können. In Zuge dessen machen wir am 16. November auch einen Online-Dialog zum Thema Prostatakrebs, wo die Experten und Expertinnen„Therapien erklären“. usw. Die Teilnehmer können online dann auf Augenhöhe Fragen stellen. Zu finden ist die Veranstaltung unter www.meinekrebshilfe.net und dort wird das dann gestreamt. Man kann auch anonym dabei sein, es braucht weder Bild noch Name.
Grazie Martina! ich möchte euch für eure Engagement danken, dass Ihr uns Männern und Frauen, die in Not sind, Hoffnung und Unterstützung geben. Mauro Mittendrin
Loose TIE Krebshilfe Österreich



